„Bist du dann eigentlich blind?“

Ich habe mich daran gewöhnt, Menschen zu enttäuschen. Das selbstbewusste „Ich habe wirklich schlechte Augen“, der siegessichere Blick, wenn ich nach der Anzahl der Dioptrien frage und der Schleier, der sich über das Gesicht legt, wenn ich die Frage meinerseits beantworte.

Ich habe mich aber auch an die fortgeschrittene Version von „Fragen an eine Brillenträgerin“ gewöhnt. Minus 15 Dioptrien, das ist auch für Menschen, die wissen, dass die Dioptrie eine „Maßeinheit für die Brechkraft optischer Systeme“ (Wikipedia) ist und im Alltag meist die Stärke von Sehhilfen beschreibt, schwer greifbar. Allen anderen zeige ich, wo mein scharfer Bereich anfängt: ca. an der Nasenspitze, ein Auge zugekniffen, sonst ist alles doppelt.

„Bist du dann blind?“ „Siehst du ohne Brille oder Linsen überhaupt etwas?“ „Wie viele Finger sind das?“ Ich kann diese Fragen mitsprechen. Und die Antworten?

Nein, ich bin nicht blind.

Wikipedia: „In Deutschland gilt nach den gesetzlichen Bestimmungen und Versorgungsrichtlinien eine Person als blind, wenn ihre Sehschärfe auf dem besseren Auge auch mit optimaler Brillen- oder Kontaktlinsenkorrektur höchstens 1/50 = 0,02 beträgt“. Ich habe auch keinen Behinderungsgrad und fände den unangebracht, schließlich löst sich meine „Behinderung“ durch ein bisschen Plastik in eine nahezu 100-prozentige Sehschärfe auf.

Die zweite Frage ist schon schwieriger. Natürlich sehe ich etwas. Sogar mehr als sich die meisten vorstellen. Aber so richtig weiß ich das gar nicht. Mein Leben ist schon immer zweigeteilt: in die weichen, verschwommenen Linien am Morgen und am Abend, wenn meine Brille auf dem Nachttisch liegt, und in die Welt außerhalb des Bettes mit ihren scharfen Linien und fesselnden Buchseiten. Unterbrechungen dieser scharfen Welt repariere ich möglichst schnell. Ob im Zug oder im Gehen – kein Ort, an dem ich meine Kontaktlinse nicht irgendwie wieder ins Auge bekomme. Ich finde die unscharfe Welt eigentlich ganz entspannend. Ein Grund, warum ich nicht besonders an einer Augen-OP (auch die Frage kommt immer) interessiert bin. Mit dem Griff zur Brille bestimme ich, wann der Tag beginnt und wann er aufhört. Wann ich bei mir bin und wann bei der Welt da draußen.

Aber wie würde mein Leben ohne Sehhilfen ablaufen? Wie blind bin ich wirklich? Ein Selbstexperiment drängt sich auf. (Es sind übrigens meistens vier Finger und es ist leichter die Finger zu erkennen, als die Person, zu der sie gehören).

Das Experiment – Alles beim Alten und erste Probleme

An diesem Samstagmorgen bleibt meine Brille auf dem Nachttisch liegen. Erst mal ist das nichts besonderes, dösen, kuscheln, alles Dinge, die in meine unscharfe Wohlfühlzone gehören. Aber gut, dass mein Freund da ist, ich habe mich nicht getraut, mich alleine ohne Brille in den Straßenverkehr zu begeben. So gut ich meine verschwommene Welt kenne, ich habe kein Gefühl dafür, wie tauglich sie für meine Orientierung ist. Auch auf die Toilette gehe ich nachts manchmal ohne Brille, eigentlich kein Problem. Aber woher wissen sehbehinderte Menschen eigentlich, ob sie das Klo sauber hinterlassen? Ich benutze die Bürste auf gut Glück und hoffe, dass meine Mitbewohnerinnen nicht ungeplant auf mein Experiment aufmerksam werden.

In den ersten Stunden des Tages vermisse ich nicht wirklich etwas. Ich wusste schon, dass ich in meinen eigenen vier Wänden ziemlich gut zurechtkomme, man braucht gar nicht so viel Sehleistung, um Teller und Tassen an gewohnten Orten zu finden. Sogar eine halbe Stunde Yoga mit YouTube-Tutorial klappt erstaunlich gut. Zwischendurch mache ich mal etwas ganz anderes als die Dame in meinem Handy, aber es tut seinen Zweck und wir finden uns wieder. Beim Tomaten schneiden beuge ich mich soweit vor, dass ich Tomatensaft ins Auge bekomme. Genützt hat es nicht, mein Freund bemerkt die enorm dicken Scheiben. Einen Tag später wird er allerdings feststellen, dass meine fehlende Technik beim Schneiden von Tomaten nichts mit meinen Augen zu tun hat.

Auch die Benutzung meines Handys fällt mir leicht und ich bemerke nicht mal eine besondere Belastung durch die extreme Nähe zum Auge. Allerdings: Ich habe nie daran gedacht, dass ich ja keine Mimik erkenne. Schaut mein Freund traurig oder nur müde? Blickt mich meine Mitbewohnerin fragend an oder doch nur auf die Uhr über mir?

Die Liste der Unmöglichkeit

Dann der erste Kontakt mit einer nicht eingeweihten Person. Stolz hole ich das Paket ohne Zwischenfall in die Wohnung. Als mein Freund ins Bad kommt, rieche ich den Lebkuchen, den er zwischen die Zähne geklemmt hat, bevor ich ihn schemenhaft sehe. Das wäre mit Brille bestimmt andersrum gewesen. Duschen ohne Sehhilfe kenne ich von Tagen ohne Kontaktlinsen, kein Problem. Nach dem Duschen wieder das Problem mit dem Putzen. Ich erkenne den Fleck in der Dusche partout nicht, möchte auch nicht kopfüber in die Wanne fallen. Putze auf Verdacht. Schnell nehme ich mir vor, heute so wenig wie möglich umzuwerfen. Weiße Gegenstände auf hellen Kacheln sind unmöglich zu finden. Zum Aufräumen und Putzen kommen Scheitel ziehen und schminken auf die Liste der Unmöglichkeit. Ich finde keinen Abstand zum Spiegel, mit dem ich genug erkenne.

„Blind“ unter Leuten

Jetzt wird es spannend. Wir verlassen das Haus. Die gewohnten Treppenstufen sind kein Problem, auch der Straßenverkehr ist deutlich einfacher als gedacht. Dank meiner Hornhautverkrümmung sehe ich alle Lichtquellen als große Lichtpunkte oder -strahlen. Das hilft beim Erkennen von Ampeln. Wir bummeln über den Weihnachtsmarkt. Ich laufe nicht mehr in Menschen, als man das auf dem Weihnachtsmarkt eben tut. Erneut fällt mir auf, dass ich Gerüche intensiver wahrnehme und sie auch wichtiger werden. Ich kenne das aus Berichten von blinden Menschen. Wenn man gar nichts sieht, ist der Effekt sicher noch stärker. Laute Menschen (vor allem betrunken-laute Menschen) beunruhigen mich aber auch mehr, da mir ein Blick in ihre Richtung nicht hilft, sie als harmlos einzustufen. Ich mache mir zum ersten Mal in dieser Stadt Gedanken über Taschendiebstahl. Wir bummeln durch einen Buchladen. Ich bin schockiert, wie langweilig es hier sein kann, wenn man sich die Bücher einzeln vor die Nase halten muss, um zu erkennen, worum es geht. Die Ausstellungstische werden mir bald öde, ich lasse mir ein paar Sachen von meinem Freund zeigen. Langsam werden meine Augen müde.

Wir machen Erledigungen. In einem Regal etwas zu finden, fällt mir schwer, alleine würde es wohl ewig dauern. Preisschilder außerhalb meiner Augenhöhe sind ein Ding der Unmöglichkeit, wenn ich mich nicht auf den Boden legen oder andere Verrenkungen machen will. Kartenzahlung funktioniert auch, sicher bleibt meine Sehschwäche nicht unbemerkt, aber: Ich bemerke ja auch nicht, wenn mich jemand komisch anschaut. Ganz entspannt eigentlich. Um die Reaktionen anderer Leute habe ich mir umsonst Sorgen gemacht. Aber ich bin froh, dass ich nicht alleine Bahn fahren muss. Ich müsste auf gut Glück auf die App vertrauen oder Menschen ansprechen.

In Marburg habe ich das oft mitbekommen, da sind die Busfahrer routiniert darin, Auskunft zu geben. Ob das in Erfurt auch so ist? Vielleicht ist das ja auch gar nicht so unangenehm, wie ich es mir vorstelle. Ich bin es nicht gewöhnt, auf Hilfe angewiesen zu sein. Aber es könnte schneller passieren, als mir lieb ist. Eigentlich ganz gut zu wissen, wie es wäre, wenn ich mal meine Sehhilfe verliere. Heim käme ich wohl schon, heil auch, vielleicht etwas langsamer. Aber das mit den Gesichtern ist ein größeres Problem als gedacht. Ich kann keinen Blickkontakt aufnehmen, lächle auch wieder auf Verdacht Verkäuferinnen an. Das ist auf Dauer schon unangenehm.

Dunkel, müde, genervt

Ich bekomme Kopfschmerzen, dabei schaue ich wenig auf Dinge in der Nähe und versuche auch nicht scharf zu sehen. Ich dachte immer, Kopfschmerzen bekommt man nur, wenn das Gehirn noch einen Sinn darin sieht, scharf zu stellen und das wäre bei mir lange vorbei. Aber anscheinend leisten meine Augen gerade Höchstarbeit, ohne dass ich es merke. Im Dunkeln wird auch die Orientierung im Straßenverkehr schwieriger. Die Lichter überstrahlen immer mehr, ich werde häufiger von Autos oder Menschen überrascht, die aus dem Rand meines Sichtfeldes kommen.

Gegen 19 Uhr sind wir zu Hause und ich wünsche mir zum ersten Mal heute meine Brille zurück. Ich bin genervt. Meine Augen tun weh, ich fühle mich langsam und unproduktiv. Vielleicht ist die unscharfe Welt auf Dauer gar nicht so entspannt. Alles was über grobmotorische Routinearbeiten wie Tisch decken hinausgeht, ist entweder langweilig, weil ich nichts sehe oder total anstrengend. Zu meiner Demotivation irgendetwas zu Hause zu machen (irgendwie findet ja alles an Bildschirmen oder auf Buchseiten statt – nicht einmal putzen funktioniert) kommt eine bleierne Müdigkeit. Ich schlafe 2 Stunden. Fast unbemerkt hat mich der Tag total ausgelaugt. Ich hätte nicht gedacht, dass diese wohlige Verschwommenheit vom Morgen so anstrengend und nervig wird.

Als ich aufwache, bin ich immer noch müde, ich notiere: „Ich wünsche mir nichts sehnlicher als meine Brille, meine Welt, meinen Überblick.“ Der Überblick ist das, was meine Sehschwäche schluckt. Es gibt nur noch winzige Details und eine unscharfe Masse. Ich dachte immer, ich lasse viele Videos so nebenbei laufen und schaue gar nicht richtig hin. Aber so komme ich gar nicht mit, wenn ich mir das Handy nicht direkt vors Gesicht klemme. Meine Augen erholen sich etwas, aber ich komme nicht gut hoch. Normalerweise kann ich mir mit der Brille das Gefühl geben, dass es jetzt los geht, der Müßiggang vorbei ist. Das fehlt mir gerade. Wir machen Abendessen, noch ein Vorteil von Brille und Linsen: Sie schützen die Augen etwas vor Zwiebeldämpfen. Da muss ich jetzt auch mal durch.

Zurück in der scharfen Welt

Am nächsten Morgen genieße ich den eigentlich so alltäglichen Griff zur Brille und meine scharfe Welt. Ich dachte, das Unscharfe sei mir so vertraut, aber auch die klaren Linien gehören zu mir. Meine Welt ist unscharf, wenn ich bei mir bin, mich zurückziehe. Unscharf ist privat und intim. Die scharfe Welt brauche ich, wenn ich raus gehe, lebe, in Kontakt trete. Ich möchte keine missen. Ich will keine Augen-OP. Aber auch keine nicht korrigierbare Sehbehinderung.

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