Ein Versuch in kritischem Weißsein – Lesetagebuch Pt.4

01.01.23 – 17:37

Gelesen: Der weiße Fleck – Eine Anleitung zu antirassistischem Denken von Mohamed Amjahid

Gedacht: Ohje, bei der Lektüre sind meine Gedanken wild durcheinander gekullert. Mit vielen Konzepten habe ich mich schon beschäftigt, aber die Auswüchse unserer rassistischen Gesellschaft sind in einigen Bereichen so verstrickt, dass es gut ist, sich den genauen Mechanismen immer wieder bewusst zu werden. Vor allem, weil ich währenddessen immer wieder merke, wie meine weiße Sozialisierung anklopft und ich genau die beschriebenen Mechanismen in meinem Denken über das Thema und die Schwarzen Autor*innen erkenne.

Ich habe beim Lesen des konsequent gegenderten Textes auch über meinen Umgang (nicht ob, sondern wie) mit geschlechtersensibler Sprache auf Stromkastenkunst nachgedacht. Ich glaube, ich werde je nach Kontext und Beitragsart entscheiden. Ich habe oft das Gefühl, dass mir meine Beschäftigung mit strukturellem Sexismus als Frau dabei hilft, die Mechanismen des strukturellen Rassismus besser zu verstehen. Gleichzeitig wurde mir noch einmal deutlich, wie wichtig es ist, meine Privilegien anerkennen zu können und das auszuhalten, ohne direkt nach einer Opferrolle (ob es sich um eine echte strukturelle Diskriminierung handelt oder nicht) zu suchen. Der Kampf gegen Sexismus ist wichtig, aber wenn es um Rassismus geht, muss ich mich in erster Linie mit meinem Weißsein beschäftigen, nicht mit meinem Frausein.

Beim Lesen ist mir deutlich geworden, wie tief die Opferolympiade in unserem Denken verankert ist. Selbst wenn wir einer diskriminierten Gruppe angehören, schaffen wir es kaum, bei der differenzierten Betrachtung unserer Privilegien zu bleiben. Es „reicht“ uns nicht, einer tatsächlich oder angeblich unterdrückten Gruppe anzugehören, wir wollen diese auch immer im Mittelpunkt haben. Gar nicht so einfach dagegen an zu arbeiten, ohne in andere weiße Abwehrmechanismen abzudriften.

02.01.23 – 20:56

Gelesen: Der weiße Fleck von Mohamed Amjahid

Gedacht: Das ist echt keine leichte Lektüre. Aber ich glaube, es ist sehr wichtig, das eigene Realitätserleben ab und zu hinten anzustellen und nur aufzunehmen und – soweit das überhaupt möglich ist – nachzuvollziehen, wie es ist, von Rassismus betroffen zu sein. Amjahid geht auch auf das von mir oben formulierte Problem ein: Auch von echter Diskriminierung Betroffene können sich in der Opferolympiade und darin, Diskriminierungserfahrungen gegeneinander auszuspielen, verheddern. Auch People of Colour. Darüber habe ich noch nicht wirklich nachgedacht, aber es ergibt absolut Sinn, dass diese Sozialisierung auch bei denen, die darunter leiden, ihre Spuren hinterlässt. Stichwort internalisierter Rassismus. Oder Sexismus. Ich erkläre mir viel über die sexistischen Strukturen.

Ich möchte die Erfahrungen nicht gleichsetzen, sie sind von grundverschiedener Qualität. Aber manchmal bekomme ich so bestimmte weiße Abwehrmechanismen besser in den Griff. Auch wenn es echt schwer ist. Ich habe viel zu viele Stimmen im Kopf, die mir die „Argumente“, die ich schon zu oft gehört oder auf Social Media gesehen habe, zuflüstern. Erst dieser Kampf in meinem Kopf zwischen meiner weißen Sozialisierung und meinem Verstand, der sich mit antirassistischer Arbeit beschäftigt, zeigt mir, wie tief das alles sitzt. Es ist eine unfassbar große Aufgabe. Aber schon mit etwas weniger dämlichen Posts und Kommentaren, wäre sie deutlich leichter zu schaffen. Mit etwas mehr Menschen, die etwas mehr zuhören und annehmen.

03.01.23 – 10:56

Gelesen: Der weiße Fleck von Mohamed Amjahid

Gedacht: Ohje – ich wollte eigentlich immer am Ende eines Kapitels schreiben, aber die Kapitel sind zu dicht mit Informationen gefüllt; ich habe Angst, alles wieder zu vergessen, was ich schreiben wollte. Ich habe nicht unerfreut festgestellt, dass Amjahid auch immer wieder Parallelen zwischen rassistischen und sexistischen Strukturen zieht. Vielleicht, um seinen Punkt weißen Frauen wie mir besser zu vermitteln. Es hilft auf jeden Fall. Genauso zieht er Parallelen zur Diskriminierung queerer Menschen und von Menschen mit Behinderung. Wenn man die Vergleiche nicht nutzt, um Opferolympiade zu spielen, sondern um Systeme von Macht, Unterdrückung und Diskriminierung zu erklären, ist das wohl keine schlechte Strategie. All diese Systeme hängen ja auch miteinander zusammen.

Apropos Opferolympiade. Die Passagen über die Aneignung nicht-weißen Wissens haben mich nachdenklich gemacht. (Nicht, dass das beim Lesen dieses Buches ein neu aufgetretenes Phänomen wäre…) Wie verhält es sich mit meinen Texten hier? Ich kennzeichne klar, dass ich mich auf Amjahids Buch beziehe, aber ich benutze seine Worte auch sehr schnell sehr selbstverständlich. Treffende Worte und klare Analysen von Konzepten sollten natürlich benutzt werden; ich überneheme sie, weil sich damit das Problem exakt beschreiben lässt. Aber sie entspringen natürlich nicht meiner eigenen Denkleistung.

Auch verkorkst ist die Sache mit der Vermittlung antirassistischer Inhalte durch Weiße. Im Endeffekt mache ich das hier ja auch. Aber ich verstehe es so, dass es in antirassistischen Diskursen darum gehen muss, von Rassismus Betroffenen Raum zu geben: ihnen zuzuhören, sie sprechen und schreiben zu lassen. Und eben auch die Blickrichtung zu ändern und das Weißsein kritisch zu beschreiben. Das sollte man aus weißer Perspektive wohl am ehesten tun: die kritische Reflexion der eigenen Sozialisierung und Privilegien. Denn natürlich müssen Weiße über Rassismus sprechen. Wir müssen nur lernen wie. Bei diesem Lernprozess fühlt man sich schon manchmal dämlich. Vieles ist so offensichtlich und unsere Weltsicht ist so eingeschränkt, dass wir es nicht erkennen.

05.01.23 – 02:02

Gelesen: Der weiße Fleck von Mohamed Amjahid

Gedacht: Nur eine kurze nächtliche Notiz: Der Sprachgebrauch des Autors ist sehr inspirierend. (Als Linguistin und Schreibende denke ich beim Lesen gezwungenermaßen auch viel über die Form nach.) Ich habe ein paar neue Impulse zum Thema Gendern mitgenommen, aber vor allem den Zusatz „of Colour“ an allen möglichen Personenbezeichnungen. Das kannte ich so noch nicht, ist aber eigentlich eine sehr elegante Lösung. Muss ich mir merken. (Abgesehen davon ist es linguistisch ein sehr interessantes Phänomen.)

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