05.01.23 – 11:11
Gelesen: Der weiße Fleck – Eine Anleitung zu antirassistischem Denken von Mohamed Amjahid
Gedacht: Puh. Das Kapitel über Refugee Porn hat seine Triggerwarnung auf jeden Fall verdient. Eigentlich hätte ich es mir denken können („wenn du es dir vorstellen kannst, existiert auch ein Porno davon“, wurde mir mal mit auf den Weg gegeben und bis jetzt hat es sich bewahrheitet), aber ich vergesse immer wieder, wie ekelhaft die Pornoindustrie sein kann. Mein Kopf wird ganz leer, während ich mir die Filme, ihre Konsument:innen und den offensichtlich politischen Rahmen des Refugee Porn vorstelle. Und mein Respekt an Amjahid: Ich weiß nicht, ob ich so eine Recherche (erst recht psychisch unbeschadet) durchgestanden hätte.
10.01.23 – 10:23
Gelesen: Der weiße Fleck – Eine Anleitung zu antirassistischem Denken von Mohamed Amjahid
Gedacht: Das Kapitel über die deutsche Erinnerungskultur geht auch an die Nieren. Da merkt man erst, in was für einer Blase man lebt (ist es eine Blase aus Menschen mit vernünftigem Umgang mit der deutschen Geschichte oder ist es einfach nur eine sehr weiß-deutsche Bubble?). Und man muss sich daran erinnern, dass das nicht der böse Rassismus ist und die eigenen problematischen Überzeugungen etwas ganz Anderes sind, sondern, dass das alles aus der gleichen rassistischen Sozialisierung entspringt. Trotzdem bin ich froh, einen ganz anderen Umgang mit unserer Geschichte gelernt zu haben. Und auch aus der hässlichen Geschichte, die der Autor erlebt hat, konnte ich zumindest eine Inspiration für die Aufarbeitung und den Umgang mit der eigenen, deutschen Geschichte mitnehmen.
Das Kapitel über die Vernunft bereitet mir Kopfzerbrechen. Ich verstehe den Punkt, dass es leicht ist, von der priviligierten, nicht-existenzbedrohten Perspektive aus die Diskussion aller Meinungen (und „Meinungen“, wenn es sich um Hass gegenüber Menschen handelt) zu fordern. Ich kenne und verstehe auch das Toleranz-Paradoxon: Eine tolerante Gesellschaft, die alles toleriert, auch die Intoleranz, wird zwangsläufig zu einer intoleranten Gesellschaft, weil sich das Intolerante durchsetzen wird.
Ich glaube auch, dass das ein Grund ist, warum ich mich an manchen Diskussionen so ungern beteilige: Es fällt mir schwer, Diskussionen zu führen, die das Existenzrecht von Menschen angreifen. Ich stimme auch zu, dass Menschenfeinden kein Raum gegeben werden sollte. Aber: Das Ziel ist ja, immer weniger Menschen mit solchen Einstellungen zu haben. Erreichen wir dieses Ziel, indem wir durch den Ausschluss aus Gesellschaft und Diskurs Bubbles begünstigen? Wer kann und sollte wie mit Rechtsextremisten reden?
Ich stelle mir diese Frage auch immer wieder, wenn es um die Integration der AfD in journalistische Formate geht. Die Relevanz der Partei wächst, gleichzeitig bewegt sie sich immer noch weiter nach rechts. Sie komplett aus dem Diskurs auszuschließen, widerspräche der Sorgfaltspflicht, würde einen relevanten Teil der Wirklichkeit ausschließen. Aber wer keinen Unterschied zwischen demokratischen Parteien und einer vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuften (die Junge Alternative gilt als „gesichert rechtsextremistisch“) macht, betreibt genauso wenig neutrale Berichterstattung.
Viele meiner Fragen beantwortet Amjahid im letzten Kapitel. Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass es keine abschließenden Antworten für alles und jede Eventualität gibt. Aber mit den 50 Ratschlägen am Ende des Buches sollten die weißen Leser:innen erst einmal gut beschäftigt sein.