Enttäuschende Auflösungen und der Abschluss des Lesejahres 2022 – Lesetagebuch Pt. 3

23.12.22 – 13:55

Gelesen: O Alchemisto / Der Alchemist von Paulo Coelho

Gedacht: Es ist mir noch zu religiös. Zu viele (konkrete) Engel, zu viel (konkreter) Himmel, zu viel (konkreter) Gott. Vieles liest sich wie Bibelgeschichten oder ähnliches (gibt es Bibelgeschichten über Gespräche über letzte Wünsche zwischen Engel und Verstorbenem?). Wenn es mal einen interessanten Kniff in einer Geschichte gibt, dann springt mir wieder so entgegen, dass da eine wertvolle Message drin sein soll. Und das ist mir immer etwas zu aufdringlich. Aber, um mit etwas Positivem zu enden: Ich habe tatsächlich ein Zitat gefunden, dass ich mag und sogar angestrichen habe: Das arabische Sprichwort: „Alles, was einmal passiert, kann nie wieder passieren. Aber alles, was zwei Mal passiert, wird sicher auch ein drittes Mal passieren.“

Gelesen: Artur e os múltiplos de três / Arthur und die Vielfachen von Drei von Manuel Alegre in Contos portugueses modernos / Moderne portugiesische Kurzgeschichten

Nach Paulo Coelho tut es immer so gut, etwas zu lesen, das eine tiefgründige Geschichte erzählt, die nicht die Welt und das Universum erklären möchte. Eine schöne Geschichte mit einem heftigen Twist (so viel Twist, wie eine Kurzgeschichte eben haben kann). Und wieder diese interessante Perspektive der portugiesischen Kurzgeschichte. Wir haben in der Schule Nachkriegsgeschichten gelesen, hier wird der Protagonist nach Angola eingezogen. Es ist wirklich horizonterweiternd, Literatur aus anderen Ländern zu lesen. Und die Kurzgeschichten eignen sich natürlich super, um verschiedene portugiesische Perspektiven kennen zu lernen.

25.12.22 – 12:47

Gelesen: A secretaria humilde / Die ergebene Sekretärin von Maria Isabel Barreno in Contos portugueses modernos

Gedacht: An dieser Geschichte fand ich den Mittelteil spannender als das Ende. Es ist so eine Stelle, von der ich weiß, dass bestimmt etwas Bedeutsames darin steckt, aber ich komme nicht dahinter. Manchmal wünsche ich mir eine Interpretation dazu, wie im Deutschunterricht. Aber vielleicht ist es gar nicht so schlecht, keine vorgesetzt zu bekommen. Ich habe das Gefühl, eine Geschichte über meine Generation zu lesen, obwohl diese Geschichte sicher etwas früher entstanden ist. Vielleicht macht es sogar noch mehr Sinn für die Generation vor uns. Wir könnten schon etwas reflektierter mit unseren Arbeits- und Beziehungsproblemen sein, ob das nun immer hilfreich ist oder nicht.

28.12.22 – 10:56

Gelesen: Sinais de fogo / Feuerzeichen von Clara Pinto Correio in Contos portugueses modernos

Gedacht: Ich mag diese Geschichten, die hauptsächlich aus Naturbeschreibungen in malerischen Worten bestehen. Die Geschichte allein weist eigentlich nur auf eine kleine, menschliche Absurdität hin. Wobei ich nicht sicher bin, ob das so in Deutschland geschrieben worden wäre, ob diese Absurdität hier in diesem Maße überhaupt auffallen würde. Der Titel gibt dem Beschriebenen etwas von einer drohenden Gefahr.

29.12.22 – 11:28

Gelesen: Auto de medo / Protokoll der Angst von José Riço Direitinho in Contos portugueses modernos

Gedacht: Das ist eine unglaublich traurige Geschichte. Voll von wunderbar interpretierbaren Stilmitteln, aber ansonsten sehr traurig und man wünscht niemandem ein solches Schicksal. (Und die Geschichte zeigt auch ganz gut, dass Therapie richtig und wichtig ist, und Menschen mit Trauer und Schuldgefühlen nicht allein gelassen werden dürfen.) Auch hier bringt mich der Titel wieder zum Nachdenken. Selbstmord als etwas vor dem man unfassbare Angst hat, das einem aber als unausweichlich erscheint, ist eine sehr nachvollziehbare und tiefgehende Betrachtung des Themas.

01.01.23 – 17:37

Gelesen: In excelsum von Mário der Carvalho

Gedacht: Sehr religiös. Und etwas gruselig. Ich bin wieder bei dem Punkt gelandet, dass ich es unheimlich finde, mir die Ewigkeit vorzustellen. Mir dreht sich da alles. Naja, es ist eben hauptsächlich ein Typ, der mit einem Aufzug zu Gott fährt – meiner Interpretation nach. Guter Spannungsbogen, aber eine etwas enttäuschende Auflösung.

Gelesen: O Alchemisto / Der Alchemist von Paulo Coelho

Gedacht: Ja. Nee. Wenigstens habe ich noch den Namen von dem Jungen erfahren. Aber ich bleibe dabei, dass es mir zu gewollt auf eine kluge Message hin arbeitet. Es ist nicht eine Message, die von einer Geschichte getragen wird, sondern eine Geschichte, die von einer Message vorangetrieben wird. Und das fühlt sich sehr bemüht an. Bemüht. Das ist wohl ein gutes abschließendes Urteil.

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