11.12.22 – 07:49
Gelesen: O losango e a serpente / Raute und Schlange von Mário Henrique Leiria aus Contos Portugueses Modernos / Moderne portugiesische Kurzgeschichten
Gedacht: Ich glaube, man muss mehr von der portugiesischen Geschichte verstehen, um diese Kurzgeschichte (und die davor) zu verstehen. Vor allem, weil die Geschichten bis jetzt alle im 20. Jahrhundert geschrieben wurden. Da (ich habe nur sehr kurz gegoogelt, der Artikel war sehr lang) war unter anderem die Militärdiktatur und Nelkenrevolution. Mit diesem Gedanken macht vielleicht die Geschichte über einen Mann, der seinen Samstag in der Sonne genießen möchte, und von einem LKW mit Käfig abgeholt wird, weil er eine merkwürdige Steuer nicht bezahlt und drei Vornamen hat, irgendwie Sinn. Ich rätsle auch immer noch über die erste Geschichte, O cágado, die Schlammschildkröte. Dabei habe ich die Geschichte ja schon einmal im Portugiesisch-Unterricht bearbeitet, aber da haben wir nicht so viel interpretiert. Mir sagt die Geschichte schon irgendwas, über Menschen, die zielstrebig ein richtig sinnloses Ziel verfolgen, aber da ist noch so viel mehr drin, und ich glaube, wenn man einbezieht, dass der Autor 1893 bis 1970 gelebt hat, kommt man auf eine ganz andere Interpretation. Mich würde wirklich interessieren, auf welche.
11.12.22 – 17:56
Gelesen: O Alquemisto / Der Alchemist von Paulo Coelho
Gedacht: Ich werde einfach nicht warm mit Paulo Coelho. Onze Minutos (11 Minuten) war wenigstens irgendwie spannend, aber dieser Alchemist plätschert dahin, alles ist auf eine mir recht fremde Art spirituell (warum redet er mit der Wüste und die antwortet? Warum führt er diese Zwiegespräche mit seinem Herz?) Also, ich weiß schon, was das alles bedeuten soll, aber ich finde die Message bis jetzt so flach und durchschaubar. Vielleicht liegt es auch daran, dass der deutsche Hype (in Brasilien habe ich eher das Gegenteil erlebt) so extrem ist, aber ich warte dauernd auf die Erleuchtung, die Erkenntnisse, die einem subtil versprochen werden, und es folgt nichts als Kalendersprüche, die mich mehr zweifeln lassen, als zu Erkenntnis zu gelangen. Dieser Spruch mit dem Universum, das sich nach deinen Wünschen fügt, braucht so viele Bedingungen, um auch nur ansatzweise wahr zu sein, dass er im Grunde falsch ist.
Diese ganze Lenda Pessoal (persönliche Legende) hinkt hinten und vorne. Ich finde es immer so schwierig, zu sagen, dass die Verantwortung für das eigene Glück zu 100% bei einem selbst liegt. Damit löst man nämlich die gemeinsame, gesellschaftliche Verantwortung auf. Und man verkennt die Ungerechtigkeit des Lebens. Manche Kalendersprüche schaffen es, Mut zu machen, ohne all das zu verkennen. Aber bis jetzt will dieses Buch sehr viel sein, dafür, dass mir meine Fragen nach kollektivem, gesellschaftlichem und individuellem Unglück nicht beantwortet werden. Vertrauen in sich, die Welt, das eigene Leben ist wichtig. Aber hier fehlt mir etwas. Abgesehen von der wirklich kaum vorhandenen Handlung. Es passiert zu viel in diesem Typ, das ich nicht nachvollziehen kann, und das deshalb keine Bedeutung für mich hat. Keine Ahnung, vielleicht muss man ja die Wüste kennen, um den Alchemisten zu verstehen.
12.12.22 – 10:01
Gelesen: A vida e o sonho / Das Leben und der Traum von Maria Judite de Carvalho aus Contos portugueses modernos
Gedacht: Das ist ja so etwas, womit ich nicht gut umgehen kann: Träume und Gelegenheiten unangefasst verstreichen lassen. Ich bin auch so aufgewachsen: Wenn du etwas willst, kümmere dich darum. Aber ich habe auch schon im Alchemisten von dem Mann gelesen, der nur träumen will, aber nicht den Traum leben. Das kann ich schon ein bisschen nachvollziehen. Es ist oft einfacher, zu träumen, statt sich mit der Wirklichkeit, den Schwierigkeiten, der täglichen Mühsal seiner Träume zu beschäftigen. Man hat Angst vor der Enttäuschung, dem Scheitern, der Desillusion. Wenn man beim Träumen bleibt, bleibt man auch bei den Gründen für den Traum. Aber ob das glücklich macht? Ich habe noch nicht genug Erfahrung damit, aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass unerfüllte Träume nicht glücklicher machen als erfüllte – oder gescheiterte Versuche, sie zu erfüllen. Vielleicht besteht Glück daraus, zu versuchen, Träume zu erfüllen.
Jedenfalls glaube ich, Adérito sollte etwas ändern. Und mit seiner Frau sprechen. Das nervt mich ja auch. Diese Probleme, die eigentlich nur aus fehlender Kommunikation entstehen. Aber auch das ist immer leichter gesagt als umgesetzt.
13.12.22 – 16:44
Gelesen: Uma provinciana / Eine Frau aus der Provinz von Agustina Bessa Luís aus Contos portugueses modernos
Gedacht: Das war ein überraschendes Ende. Wirklich eine Kurz-Geschichte. Aber auch die perfekte Länge, es braucht nicht mehr. Und für eine Autorin, die 1922 geboren ist, eigentlich eine schöne feministische Erzählung. Es wirkt erst gar nicht so. Aber die Geschichte entwickelt sich prächtig.