Von Sprachkritik, Wörtern als „Missgeburten“ und dem sterbenden Genitiv – Lesetagebuch Pt. 9

06.03.23 – 11:29

Gelesen: Deutsch für Profis Wege zum guten Stil von Wolf Schneider

Gedacht: Bei der Kritik an der Benennung von Staaten gehe ich nicht mit. Erstens bin ich da wieder zu unvoreingenommen gegenüber Sprachwandel, auch wenn der Journalismus natürlich eine andere Macht auf die Richtung dieses Wandels ausübt, weil er als Multiplikator wirkt. Aber ich sehe kein Problem darin, wenn statt deutschen Bezeichnungen Selbstbezeichnungen genutzt werden.

Zweitens ist es ein Unterschied, ob es innerhalb Europas zwischen westlichen Staaten abweichende Selbst- und Fremdbezeichnungen gibt oder zwischen westlichen Ländern und Ländern wie dem Iran oder Sri Lanka. Hier herrscht ja gerade im historischen Kontext der Kolonialgeschichte oft ein Machtgefälle zwischen denen, die benennen, und den Benannten. Ich kenne mich mit beiden Fällen nicht aus, aber ich glaube nicht, dass es Schaden bringt, die Länder und ihre Bewohner so zu bezeichnen, wie sie das selbst tun.

Erst recht in einer vernetzten Welt, in der Menschen aus diesen Ländern bei uns leben und unser Sprachgebrauch nicht zwangsläufig innerhalb unserer Landesgrenzen bleibt. Bei diesem ziemlich konservativen Ansatz scheint durch, dass die deutsche Sprache hier nur für eine bestimmte Gruppe so verständlich wie möglich sein soll. Vielleicht (und wahrscheinlich nicht einmal damals) hat das 1984 funktioniert, aber nicht mehr heute.

Das Spannungsfeld zwischen verständlicher und genauer (damit auch inklusiver) Sprache ist nicht leicht zu meistern. Verständliche Sprache ist auch ein wichtiger Faktor der Inklusion, aber eben nicht der einzige. Wenn zuliebe der Verständlichkeit immer nur die gleichen Gruppen eingeschlossen und angesprochen werden, passt das nicht mehr in die heutige Welt. Und ob es wirklich die Verständlichkeit beeinträchtigt, vom „Iran“ statt von „Persien“, von „Sri Lanka“ statt „Ceylon“ oder von „Belarus“ statt von „Weißrussland“ zu sprechen, ist zu bezweifeln. Gerade in letzterem Fall gibt es deutliche Positionen der Bevölkerung gegen die Fremdbezeichnung. Mehr dazu hier beim Redaktionsnetzwerk Deutschland.

12.03.23 – 15:41

Gelesen: Deutsch für Profis von Wolf Schneider

Gedacht: Ich will auch nicht nur meckern: Natürlich gibt Schneider den Lesenden höchst hilfreiche Tipps und Regeln an die Hand. Wie wichtig es sein kann, sich nicht angestrengt an großer Kunst zu versuchen, zeigen die Zitate am Ende des ersten Teils „Wie man gut, interessant und verständlich schreibt“. Lieber nach den treffenden Wörtern suchen, als nach den kunstvollen, dann kommt die schöne Sprache im besten Fall ganz von allein. Trotzdem mag ich seinen Ton nicht.

19.03.23 – 21:30

Gelesen: Deutsch für Profis von Wolf Schneider

Gedacht: Wenn er nicht so poltert, liest er sich gleich viel angenehmer.

23.03.23 – 7:09

Gelesen Zusammen leben von Bart Somers

Gedacht: Ich komme irgendwie nur sehr langsam voran. Literarisch ist das jetzt kein Meisterwerk, aber das soll es wohl auch nicht sein. Außerdem merkt man wirklich, dass es eine andere Zeit war – das Thema Terror ist heute zwar nicht verschwunden, aber so präsent wie es damals in Westeuropa war, ist es in meiner Wahrnehmung auch nicht mehr. Inhaltlich finde ich Somers Ansätze gut, er schein zentrale Fehler nicht zu machen, und mich freut, dass er das Thema Diskriminierung ernst nimmt.

Aber der Balanceakt zwischen Sicherheit und Freiheit bleibt schwierig. Bei der Abschaffung von Prepaid-Karten frage ich mich, ob man so nicht Menschen, die keine Verträge bekommen oder monatlich bezahlen können, viele Möglichkeiten nimmt. Und ob das – es wird als Maßnahme zur Terrorbekämpfung genannt – eine zeitlich begrenzte Maßnahme war. Es ist eben schwierig, die gewünschte Wirkung und „Kollateralschäden“ gegeneinander abzuwägen. Und leider betreffen diese Kollateralschäden immer und immer wieder die Menschen, die eh schon unter Diskriminierung leiden.

Ahh, sogar in dieser Übersetzung ist er drin… Mein einziger Hass-Anglizismus: „in 2015“. Warum? Einfach zwei unnötige Buchstaben. So viel zu meiner Sprachkritik.

26.03.23 – 21:07

Gelesen: Deutsch für Profis von Wolf Schneider

Gedacht: Yay, ein Tipp, den ich schon immer intuitiv umsetze: Geschriebene Texte laut Korrektur lesen. Aber es ist wirklich spannend, zu Regeln, die man intuitiv nach Sprachgefühl befolgt, systematische Erklärungen zu bekommen.

21:42

Seine Beispiele machen Lust zu schreiben. Ab dem Kapitel „Wie man gut schreibt – Wie man interessant schreibt“ kommen auch deutlich mehr Positiv-Beispiele als vorher. Generell ist der Ton in der zweiten Hälfte etwas sanfter und beschäftigt sich mehr damit, wann etwas gut geschrieben ist, als mit negativen Beispielen. Das gefällt mir.

22:00

Aha, er geht auch auf die Kritik an der Sprachkritik ein. Naja, ich habe dazu im Fazit einer Literaturhausarbeit geschrieben, dass Sprachnormierung und damit auch ein gewisser Sprachkonservatismus nicht per se schlecht sind, schon allein, weil sie die Verständlichkeit bewahren. Aber meiner Meinung nach ist es wichtig, dass man keine Abwertung der Sprache „des Volkes“ oder bestimmter Gesellschaftsgruppen betreibt. Jeder Sprachgebrauch, der im passenden Kontext Kommunikation zufriedenstellend ermöglicht, hat seine Berechtigung. Man kann ja über einen journalistischen, literarischen oder schriftsprachlichen Stil sprechen, ohne die mündliche, alltägliche Umgangssprache abzuwerten.

22:10

Vor allem wird es immer etwas lächerlich, wenn einer Kasus-Endung, die vor längerer Zeit verschwunden ist, nicht nachgetrauert wird (dem Könige klingt wirklich etwas altbacken), der aktuelle Sprachwandel aber als überaus kritisch bewertet wird. Es spricht nichts dagegen, die korrekte Verwendung des Genitivs zu empfehlen. Aber das geht doch auch mit weniger Abscheu und mehr Gelassenheit gegenüber dem aktuellen Sprachwandel, der „des Genitivs“ irgendwann so altbacken erscheinen lassen wird, wie „dem Könige“.

Puhh, ich weiß, in den 80ern geschrieben, aber es ist trotzdem unangenehm, wenn Frauen als „appetitlich“ beschrieben werden…

Ich muss mir immer wieder ins Gedächtnis rufen, wie alt das Buch schon ist. Vieles ist erstaunlich aktuell. Aber bei den Anglizismen hat sich in den letzten 40 Jahren schon etwas getan. „Herausforderung“ bedeutet mittlerweile, soweit ich weiß, genauso sehr „Aufgabe“ wie „Provokation“.

Ich habe übrigens recherchiert, Schneider hatte – nicht überraschend – ein Problem mit gendergerechter Sprache oder „feministischem Jargon“.

Noch ein positiver Punkt: Man lernt viel über englische Lehnübersetzungen, deren Herkunft oft nicht offensichtlich ist. Die Verbesserungsvorschläge sind sehr hilfreich. Ein negativer Punkt: Ich finde die Bezeichnung von Wörtern als „Missgeburten“ unnötig aggressiv, abschätzig und emotional.

Und er identifiziert völlig andere „Nazi-Wörter“ als die, über die wir heute sprechen. Das gibt wirklich gute Denkanstöße.

Fazit:

Ich habe das Buch ursprünglich gekauft, um es im Anschluss an besagte Hausarbeit zu lesen – es war mit Blick auf Sprachnormierung und -kritik auf jeden Fall lesenswert – und natürlich trotz all meiner Kritik eine nützliche Fundgrube, nicht nur für das journalistische Schreiben. Es behält auf jeden Fall seinen Platz im Regal, vielleicht schreibe ich mir daraus auch eine Checkliste fürs Schreiben und Korrekturlesen.

Beitrag erstellt 83

Kommentar verfassen

Ähnliche Beiträge

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben
Cookie Consent mit Real Cookie Banner