13.12.22 – 16:28
Gelesen: O Alchemisto / Der Alchemist von Paulo Coelho
Gedacht: Ich fühle mich ja irgendwie kunstbanausisch. Eben nochmal ein YouTube-Kommentar über die Großartigkeit vom Alchemisten gelesen. Die „Weisheiten“ haben ja teilweise ihre Berechtigung, ich kenne sie aus Yoga, Ayurveda, Meditationslehren. Alles ist eins, alles hängt zusammen, finde deinen Weg, was zu dir gehört, wird zu dir kommen. Das sind mir auch liebgewordene, wichtige Wort-Begleiter. Aber mir sagt Coelhos Aufarbeitung nicht zu. Es wirkt auf mich, wie eine extreme Ausdehnung von Sätzen, die auch auf das Papier eines Yogi Teas passen. Und mit dem Spruch auf dem Yogi Tea kann ich mehr anfangen. Mir sind die Bilder zu konkret, zu spirituell, zu religiös. Oder einfach zu sehr gewollt. Diese Sätze brauchen die ganze bunte Geschichte darum herum nicht. Manchmal werden sie dadurch sogar irgendwie weniger wahr.
14.12.22 – 06:45
Gelesen: A mosca verde / Die grüne Fliege von Natália Nunes in Contos portugueses modernos / Moderne portugiesische Kurzgeschichten
Gedacht: Dazu habe ich gar nicht so viel zu schreiben. Eine traurige Geschichte. Ähnlich traurig, wie die von Adérito, aber hier ist irgendwie nicht so viel drin, bis auf die kurze Spannung, was es mit der Fliege auf sich hat. Danach ist es hauptsächlich deprimierend. Aber eine schöne Beschreibung eines schönen Moments ist dabei. Ich habe kurz gebraucht, zu merken, dass mosca nicht die gleiche Doppeldeutigkeit wie Fliege im Deutschen hat. Das wäre sonst am Anfang auch möglich gewesen. Naja, dafür heißt die Anzugsfliege in Brasilien Schmetterlingskrawatte (gravata borboleta). Auch süß.
Einen Gedanken habe ich noch. Ich glaube, das Deprimierende ist für mich, dass sie sich den glücklichen Moment nicht eingesteht. Unglücklich sein ist das eine. Aber unglücklich sein, weil man mal glücklich war, ist wirklich nicht schön.
16.12.22 – 12:15
Gelesen: Homero / Homer von Sophia de Mello Breyner Andresen in Contos Portugueses Modernos
Gedacht: Ich finde die Geschichte wunderschön geschrieben. Hier passiert gleichzeitig so wenig und so viel. (Im Gegensatz zum Alchemisten, da passiert so wenig, das wirken will, als passiere viel.) Hier ist so viel in einer so kurzen Beschreibung eines Mannes, eines Wesens, irgendwie ist er ja die ganze Welt in einem. „palavras moduladas com um canto, palavras quase visíveis que ocupavam os espaços do ar com a sua forma, a sua densidade e o seu peso“ / musikalisch gestaltete Worte […], wie ein Gesang, geradezu sichtbare Worte, die den Raum der Luft mit ihrer Gestalt füllten, mit ihrer Dichte und ihrem Gewicht“.
Wie de Mello Breyner Andresen die Worte Búzios beschreibt, so sind auch ihre eigenen. Und das in einer Sprache, für die ich wenig auf die deutsche Übersetzung schauen musste, deren Schönheit mir auch ohne den muttersprachlichen Blick zuteilwurde. Die Geschichte lässt sich sicher auch wunderbar in Bezug auf die Figur des Homer interpretieren, wenn man sich besser mit griechischer Antike auskennt. Ich belasse es jetzt aber beim Staunen über die sprachliche, künstlerische wie handwerkliche Schönheit der Erzählung.
20.12.22 – 16:49
Gelesen: Teorema / Theorem von Herberto Helder in Contos Portugueses Modernos
Gedacht: Ich habe das Gefühl, viel zu blöd zu sein, um diese Geschichte zu verstehen, aber es war herrlich, sie zu lesen. Sprachlich sehr eindrucksvoll waren die Beschreibungen von Dingen mit gegensätzlichen, extremen und unlogischen/unpassenden Adjektiven. Auch die Erzählperspektive des Ich-Erzählers (ungewöhnlich für die Kurzgeschichten in diesem Buch) aus Sicht eines Sterbenden/Toten (sehr ungewöhnlich, nicht nur für eine Kurzgeschichte) ist beeindruckend. Und er malt ganz klare, eindrucksvolle, düstere Bilder.
Aber inhaltlich … bin ich überfordert. Ich glaube, man könnte das toll interpretieren, der Titel, diese Königsgeschichte, das Ende, die Sprache… Aber ich glaube, dafür muss man mehr über die portugiesische Literatur und Geschichte wissen. Ich belasse es dabei, schaudernd zu genießen.
Gelesen: O Alchemisto / Der Alchemist von Paulo Coelho
Gedacht: Das sollte dann wohl so ein Höhepunkt dieses Buches gewesen sein. Ich weiß nicht. Die Aussagen sind mir zu religiös, wenn man es religiös interpretiert, und wenn man es spirituell (ohne Bezug auf eine bestimmte Religion) sieht, zu konkret. Ich kann es nicht ändern, dass ich diese Gespräche zwischen dem Jungen, dem Wind und der Sonne albern finde.
Ich verstehe schon den tieferen Sinn dahinter, aber ich bin unglücklich mit dieser Vereinfachung und Konkretisierung von etwas sehr Abstraktem und Komplexem. Wahrscheinlich ist es möglich, so etwas schöner zu machen, aber hier finde ich es eher albern. Ich muss an Matt Haigs Comfort Book denken. Das erklärt dieses komplexe Leben in schöneren und genauso einfachen Worten.